„Umsetzung der Grundsätze des Bundes der Tiroler Schützenkompanien im Kompaniegeschehen“
Osttiroler Haupt- und Obleutetag 2007
Referat von Dr. Bertl Jordan
Nachdem ich es hier mit den Führungskräften unserer Osttiroler Schützen zu tun habe, nehme ich einmal an, dass euch allen die 5 Grundsätze des Bundes der Tiroler Schützenkompanien zumindest vom Hörensagen her bekannt sind. Mein Auftrag für heute hat geheißen, diese Grundsätze in einer zeitgemäßen Form zu interpretieren. Ich muss zugeben, dass mir diese Aufgabe zuerst leichter vorkam, als sie es dann schließlich war. Vielfach scheint auf den ersten Blick bei uns in Tirol ohnehin alles in Ordnung – beim zweiten Blick aber kann man schon diskutierenswerte Dinge entdecken. Wenn ihr mit der einen oder anderen meiner Feststellungen nicht einverstanden seid, bitte ich euch schon jetzt, dies in der anschließenden Diskussion mitzuteilen.
Nun: Der erste Grundsatz ist „Die Treue zu Gott und dem Erbe der Väter“. Es wird kaum eine größere Schützenveranstaltung geben, die nicht mit einem Festgottesdienst oder zumindest einem Gebet anfängt. Außerdem begleiten wir die verschiedenen Prozessionen in unseren Dörfern – und könnten sagen: „Das reicht!“ Aber bei genauerem Hinsehen lassen sich doch immer wieder Schwachpunkte feststellen: So gibt es in Nordtirol meines Wissens zwei Kompanien, die jeweils einen Mann zum Hauptmann gewählt haben, der aus der Kirche ausgetreten ist. Ohne diesen Gewählten eine christliche Lebenseinstellung und Führungsqualitäten absprechen zu wollen, stellt sich mir aber doch die Frage, ob hier der Grundsatz der Treue zu Gott von einer Führungskraft noch ernsthaft verwirklicht und den Kameraden vorgelebt wird.
Oder wie steht es bei uns selbst mit diesem Grundsatz, wenn Schützen zwar bei der Prozession stramm mitmarschieren und exakte Salven schießen, dann aber, wenn die Kompanie nicht geschlossen in die Kirche einmarschiert, die Zeit während des dazugehörenden Gottesdienstes rauchend und redend vor der Kirche oder gar im nahen Gasthaus verbringen? Wenn Musikanten dasselbe tun, ist es zumindest damit entschuldbar, dass „die Treue zu Gott“ nicht in ihren Grundsätzen steht – aber bei uns? Also – geschätzte Haupt- und Obleute: Vielleicht könnt ihr hin und wieder einmal ein Wort in dieser Richtung bei euren Schützen fallen lassen.
Im zweiten Teil dieses Grundsatzes wird die Treue zum Erbe der Väter angesprochen. Ich muss gestehen, dass ich mir darunter eigentlich nicht viel vorstellen kann. Für mich lege ich es jedenfalls so aus, dass eigentlich Schützen und Marketenderinnen zumindest in groben Zügen über die Geschichte Tirols und die Entwicklung des Schützenwesens Bescheid wissen sollten, damit sie wissen, was sie vertreten, wenn sie in Tracht auftreten. Wenn wir den Sinn der Schützen verstehen wollen, müssen wir ihre Geschichte verstehen.
Der zweite Grundsatz fordert den „Schutz von Heimat und Vaterland“. Unsere Großväter wurden dazu noch vom Kaiser zu den Waffen gerufen. Man kann über das Zusammenwachsen Europas im Rahmen der EU denken wie man will – eines dürfte aber unbestritten sein: Erbitterte Kriegsgegner aus dem Ersten Weltkrieg haben sich zu respektierten Partnern entwickelt und zumindest derzeit scheint ein Krieg zwischen den ehemaligen Gegnern unwahrscheinlich und wir Schützen laufen Gefahr, zu einem belächelten überflüssigen Relikt aus alter Zeit zu werden. Eher müssen schon die Südtiroler Kameraden etwas für den Schutz ihrer Heimat tun. Sie müssen sich für ihre Rechte als deutsche oder ladinische Minderheit im italienischen Staat wehren, tun dies auch – und werden von uns dafür oft nicht verstanden.
Aber auch für uns hat der zweite Grundsatz heute seine Berechtigung nicht gänzlich verloren. Neue Strömungen, wie die Globalisierung, Profitoptimierung um jeden Preis, Bauwut mit wenig Rücksicht auf gewachsene Kulturlandschaft, Forderung nach Freiheit über alle moralischen Grenzen hinweg gefährden manches, was für viele von uns Heimat bedeutet. Es wird versucht, alle, die noch Traditionen bewahren wollen, als „ewig Gestrige“ zu diskriminieren, es findet ein schleichender Ausverkauf unseres Landes statt und ich würde es schon auch als unsere Aufgabe sehen, hier wachsam zu sein und gegebenenfalls unsere Stimme zu erheben. Einerseits ist aber dabei aufzupassen, dass wir uns nicht in einen parteipolitischen Zwist hineinziehen lassen, andererseits muss klar sein, dass man dabei nicht polternd und beleidigend, sondern vornehm sachlich vorgehen kann und sollte. Das richtige Fingerspitzengefühl bewiesen im letzten Schützenjahr zwei Osttiroler Kompanien bei Stellungnahmen zu regionalen Problemen in der Bezirkszeitung.
Der dritte Grundsatz ist das Bekenntnis zur geistigen und kulturellen Einheit Tirols. Wer nur ein bisschen Geschichtswissen hat, weiß, dass die Geschichte Tirols bis 1919 nicht in eine Geschichte Südtirols und eine des übrigen Tirols teilbar war. Seit diesem Unglücksjahr scheinen aber die Entwicklungen so zu verlaufen, dass für viele der Begriff „Tiroler“ nur mehr für Nordtiroler zulässig ist, manche Südtiroler meinen, dass sie die besten Tiroler sind und auch wir Osttiroler glauben häufig, etwas Besonderes oder zumindest besonders benachteiligt zu sein. Ein gewisser Lokalpatriotismus soll ja jedem zugestanden werden, über diesem dürfen wir aber nicht vergessen, dass wir alle Bewohner Tirols sind, dieses Landes, das einst auch eine politische Einheit war, das nun bald 90 Jahre in drei Teile zerrissen ist und das in der Zukunft – vielleicht auch durch die Mitarbeit der Schützen - eine geistige und kulturelle Einheit bleiben muss und vielleicht wieder einmal eine politische Einheit werden kann.
Der vierte Grundsatz befasst sich mit der Freiheit und Würde des Menschen. Wenn wir diesen Grundsatz ernst nehmen, so können wir manche Strömungen und Bestrebungen nicht widerspruchslos hinnehmen. Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen, möchte ich doch darauf hinweisen, dass die Menschenwürde beim Recht zu leben für Ungeborene beginnt und beim Recht auf einen würdigen Lebensabend für Alte aufhört. Forderungen wie „Bildungsmöglichkeiten ohne Benachteiligung wegen der Herkunft, Schaffung von menschenwürdigen Arbeitsplätzen, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Hilfe bei unschuldig in Not Geratenen, lebenswertes Leben für Behinderte“ müssen von uns unterstützt werden.
Das klingt jetzt alles ein wenig fern von unserer Schützenarbeit. Ich möchte euch aber auffordern, immer, wenn in eurem Dorf Hilfe benötigt wird – sei es, weil ein anderer Verein helfende Mitarbeiter oder Ausrüstungsgegenstände braucht, dass irgendwelche Veranstaltungen für die Dorfgemeinschaft organisiert werden, dass einzelne Personen, die in eine Klemme geraten sind oder Hilfsorganisationen Unterstützung brauchen – dass ihr als Schützenführung aufmerksam seid und gegebenenfalls Hilfe durch eure Schützen anbietet. Unser Landeskommandant Dr. Sarnthein sagte einmal zu diesem Punkt: „Wenn wir Heimat nicht nur rückwärtsgewandt als Aufrechterhaltung von Tradition sondern zukunftsorientiert als Stiftung von Beziehungen und gegenseitiger Hilfe verstehen, dann kann dieses Verständnis von Schützen zu einem wichtigen Grundbegriff unserer regionalen Zukunft werden.“ Gerade bei uns in Osttirol gibt es ja dafür schon bisher einige vorbildliche Beispiele.
Als letzter Grundsatz kommt jener, der sich besonders mit unserem Schützenwesen befasst, nämlich „Pflege des Schützenbrauches“. Hier gehört also einmal alles hinein, was man sich unter „Tiroler Schützen“ landläufig vorstellt: Trachten, Kommandos, Marschieren, Exerzieren, Salven schießen, Defilieren, Schießbewerbe, Kameradschaftspflege.
Wenn man bei einer Defilierung in der Nähe der Ehrentribüne steht, kann man Verschiedenes beobachten: Der Hauptmann befiehlt seiner Kompanie, zur Defilierung nach rechts zu schauen und macht dann einen Säbelgruß – oder was immer das sein soll. Hier gibt es deutliche Unterschiede zwischen den fast überexakten Säbelbewegungen der Südtiroler und der eher lässigen Handhabung durch manche unserer Hauptleute. Auch die Säbelhaltungen der Offiziere allgemein sind recht unterschiedlich. Jeder Hauptmann verlangt beim Exerzieren von seinen Schützen, dass sie eine möglichst einheitliche Gewehrhaltung zustande bringen. Anerkennenderweise kann ich feststellen, dass hier recht erfolgreich in den Kompanien gearbeitet wird. Wir haben aber in den Kompanien inzwischen eine Reihe von neuen Hauptleuten und sonstigen Offizieren und es schiene mir an der Zeit, vom Viertel oder von den Bataillonen aus wieder einmal einen Säbelkurs anzubieten und mit den Säbelträgern ein Exerzieren durchzuführen, bei dem einheitlicher Säbelgruß und korrekte Säbelhaltung trainiert werden.
Eine Visitenkarte für jede Kompanie ist der Fähnrich mit der Kompaniefahne und es wäre eine gute Möglichkeit, die schöne Fahne beim Defilieren den Ehrengästen und Zuschauern zu präsentieren. Oft geschieht es aber, dass die Fahne soweit zur Seite geschwenkt wird, dass sie den begleitenden Marketenderinnen oder Fahnenbegleitern ins Gesicht geweht wird, ihnen jede Sicht nimmt und sie vor aller Öffentlichkeit aus dem Schritt bringt. Auch mit den Fähnrichen wäre deshalb einmal über das Fahnenerxerzieren zu reden, z.B. darüber, dass die Fahne beim Defilieren schräg nach vorne zu halten ist.
Möglich, dass ihr nun der Meinung seid, dass ich heute nur kritisiert habe. Ich versuche aber neben eigenen Beobachtungen auch Kommentare von Außenstehenden zu hören und so möchte ich sagen, dass ich einfach einige diskutierenswerte Punkte herausgegriffen habe, denn man kann auch Gutes noch besser machen.
Ich möchte aber nicht versäumen zu erwähnen, dass ich immer mit Stolz das Bemühen unserer Schützen um strammes Auftreten sehe, auf ihre Verlässlichkeit und Ordnung bauen kann, mich freue über den vielen guten Willen, der feststellbar ist. Außerdem durfte ich im Laufe der Jahre viele Schützen kennenlernen, denen Hilfsbereitschaft und Kameradschaft echte Anliegen sind, und das sind nur einige Gründe, warum ich dankbar bin, bei den Schützen sein zu dürfen.

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